Polit-Debatte auf die charmante Art

Jahresempfang der Volksbank-Raiffeisenbank / Auszubildende konfrontieren führende Landespolitiker mit Themen, die die Jugend bewegen Osterrönfeld

Für den SPD-Landeschef Ralf Stegner und den CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther mag es ein schwerer Schlag gewesen sein. „Herr Stegner, Herr Günther, keiner meiner Freunde kennt Ihren Namen“, sagte die 21-jährige Margo Thode unverblümt zu den beiden Spitzenpolitikern. Prompt ging ein Raunen durch die Reihen der mehr als 130 Gäste, die die Volksbank-Raiffeisenbank zu ihrem Jahresempfang eingeladen hatte. Sie wurden Zeugen eines Experiments, das Vorstand Georg Schäfer konzipiert hatte. Sechs Auszubildende der Bank schilderten in kurzen Redebeiträgen, was sie bewegt. Die Themen lauteten Digitalisierung, Bildung, Arbeit, Politik sowie Wirtschaft, Familie und Freizeit. Dann durften die Politiker erwidern.

Es war eine ganz andere Art der politischen Auseinandersetzung. Die Auszubildenden traten einzeln auf die Bühne und gaben in freier Rede ihre Statements ab. Eingängig, ohne Phrasen und mit einer charmanten jugendlichen Unbekümmertheit schilderten sie, was sie bewegt. Zum Beispiel Jöran Suhr: Die Zeitung liest er nicht. Er informiert sich über das Internet, holt sich alle Informationen auf sein Smartphone. „Wir sind ungeduldig, wir wollen es schnell.“ Medien der klassischen Art werde es so bald nicht mehr geben. Allerdings schränkte er ein: Die Qualität der Nachrichten bleibe möglicherweise auf der Strecke, der Zeitung hingegen könne man vertrauen.

Die jungen Leute hatten keine Probleme damit, Finger in Wunden zu legen, betrachteten aber auch die Kehrseite der Medaille. Saskia Meyer erzählte von ihren Freunden, die bei Edeka Geld abheben und mit dem Smartphone Rechnungen begleichen. Bankberater brauchen sie nicht mehr. Die angehende Bankkauffrau warf die Frage auf: „Wo ist mein Platz in der Zukunft? Werde ich noch gebraucht?“ Deutliche Kritik übten die jungen Leute am Bildungssystem. „G8 ist Mist“, sagte Thore Henning: „Was früher in 13 Jahren erledigt wurde, wird jetzt auf zwölf Jahre zusammengepresst.“ Am Gymnasium geht es seinen Worten zufolge vor allem um die Vorbereitung aufs Studium. Das Handwerk spielt keine Rolle. Henning: „Die Schule müsste mehr Wege eröffnen.“ Und sie müsste den Schülern das Richtige beibringen. Margo Thode: „Kaum einer meiner Freunde geht wählen.“ In der zwölften Klasse habe sie sich mit dem amerikanischen Wahlsystem auseinandergesetzt, das deutsche hingegen spielte so gut wie keine Rolle.

Letzteres trifft auch auf die Region zu, in der die Auszubildenden arbeiten. Zum Einkaufen fahren sie nach Kiel oder ins Outlet-Center, schilderten Sophie Schwemer und Christine Manukjan, „obwohl man bei I.D. Sievers auch immer etwas findet“. Die Alternative sei das Online-Shopping. Uneingeschränktes Lob gab es für die Kinos in Rendsburg: „Da gibt’s die leckersten Nachos.“

Daniel Günther durfte zuerst Stellung beziehen. Die CDU habe sich nach langer Diskussion für G9 entschieden. „Wir müssen den jungen Menschen wieder mehr Zeit geben.“ Die Fokussierung an den Gymnasien aufs Studium bezeichnete er als völlig falsch. Er plädierte dafür, das duale Ausbildungssystem nicht aus dem Blick zu verlieren. Sorge bereitete ihm, dass die Jugend so wenig Interesse an der Politik zeige. Hier müsse man gegensteuern. „Es ist wichtig, dass wir stärker auf junge Menschen zugehen.“ Günther zeigte sich erfreut, dass Politikerbesuche an Schulen in Wahlkampfzeiten wieder möglich seien.

Diese Auffassung teilte Ralf Stegner. Er forderte die Auszubildenden auf, wählen zu gehen. „Sonst kommt so etwas dabei heraus wie in Großbritannien mit dem Brexit.“ Zudem empfahl er ihnen, sich für eine demokratische Partei zu entscheiden, damit keine radikalen Kräfte an die Macht kämen. Zur Bildungspolitik sagte Stegner, dass er keinen Einheitsbrei wolle. Der eine lerne schneller, der andere langsamer. Bezogen auf G8 oder G9 bedeutet das: Die Menschen sollen die Wahl haben.

Zudem warnte Stegner davor, ausschließlich auf die Vorteile der Digitalisierung zu vertrauen. „Wenn alle bei Zalando bestellen, wird es schwierig.“ Dann gäbe es vor Ort künftig keinen Dorfkrug, keinen Einzelhändler und keine Buchhandlung mehr.

Quelle: Landeszeitung dj; 25.02.2017